Unter dem Radar – Selbst- und Undergroundpublikationen 1965–1975

Ausstellung im Zentrum für Künstlerpublikationen, Weserburg Bremen
30.10.2015 – 14.02.2016

Konzeption: Jan-Frederik Bandel, Annette Gilbert, Michael Glasmeier und Tania Prill
Projektleitung: Jan-Frederik Bandel und Tania Prill
Exponate und Texte: Jan-Frederik Bandel
Ausstellungsarchitektur: Elburuz Fidan und Jan Charzinski (MA »From Aleph to Eternity«)

In Zusammenarbeit mit den Studierenden des Master Studios »From Aleph to Eternity« der Hochschule für Künste Bremen.

Mit freundlicher Unterstützung der VolkswagenStiftung, der Hochschule für Künste Bremen, des Peter Szondi-Instituts der Freien Universität Berlin und des Zentrums für Künstlerpublikationen

»Der ungeliebte Begriff ›Underground‹ umfasst Hippies, Beats, Mystiker, Durchgeknallte, Freaks, Yippies, Verrückte, Exzentriker, Kommunarden und alle, die starre politische Ideologien ablehnen (›Das ist eine Geisteskrankheit‹) und überzeugt sind, dass die Bastille schon von selbst fallen wird, wenn sie nur ihr eigenes Hirn sprengen«, schreibt Richard Neville 1970 in seinem Buch Play Power – Exploring the International Underground. Er spricht in eigener Sache, hat er doch 1963 – noch in Australien, ab 1967 im »swinging« London – eines der Magazine mitgegründet, die maßgeblich werden für den Import des Modells »Underground« aus den USA: Oz, neben it – international times wohl das einflussreichste europäische Magazin einer dämmernden counter culture.

Der britische Schriftsteller Jeff Nuttall bezeichnet den Underground als »messianischen Kreuzzug« des Dilettantismus. Es ist das Lob einer Amateurproduktion, die nicht mehr entschuldigend, sondern offensiv auftritt: Professionalität wird als ideologisches Hemmnis begriffen, als Blockade der Kommunikationskanäle, als lahme, unpersönliche Zensur-, Verflachungs- und Kommerzmaschinerie; demgegenüber steht eine selbstbewusste Aneignung des Produktions- und Distributionsprozesses – und sei’s in ökonomischen Nischen.

Underground- und Selbstverleger werfen immer wieder die Frage nach dem vertrackten Verhältnis von Hand- und Kopfarbeit auf, aber auch von Einzelnem und Kollektiv, von Kollektiv und Szene, von Szene und Gesellschaft. Vor allem drückt sich in ihren »selfmade«-Veröffentlichungen allerdings die (durchaus auch infantile) Freude an einer produktiven – tippenden, druckenden, schneidenden, bastelnden – Selbstbehauptung aus: »Wir machen unsere Zeitschriften aus dem gleichen Grunde, aus dem kleine Kinder herumrennen, schreien und Lärm machen. Weil wir leben. Das ist alles.« (Aus einer zeitgenössischen Broschüre »Was ist Untergrund-Presse?«)

Diese Ausstellung gibt Einblicke in die Publikationskultur, die ab Mitte der 1960er unter dem Einfluss dieses Imports in Europa, vor allem in der BRD entstand und sich Mitte der 1970er, dem internationalen Trend folgend, wieder verflüchtigte, verwandelte, abgelöst wurde. Sie zeigt Formen des gestalterischen Dilettantismus zwischen Bleiwüste, Bricolage und ornamentalem Dschungel. Sie dokumentiert die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, der »Zwischentöne … bloß Krampf im Klassenkampf« waren (wie Franz-Josef Degenhardt 1968 sang), und das Schillern der Vieldeutigkeit, das zeitgenössisch »Pop« hieß. Sie erzählt vom Wunsch, den »Lügenmedien der Leichen« (Urban Gwerder) eine »Gegenöffentlichkeit« entgegenzusetzen und von der geheimen Faszination für die Massenmedien. Und sie widmet sich den Elementen einer Undergroundästhetik: der Komplexität von Schriftbildern, der ornamentalen Überwältigung eines psychedelischen Boulevards, den Freuden der Comics und der Drastik der Pornografie.

Die Ausstellung ist damit nicht zuletzt eine Spurensuche nach den Kraftquellen heutiger »Independent«-Publikationspraktiken, aber auch der elektronischen »Gegenöffentlichkeiten« des Internet, die so viele Erwartungen und Ideen des alternativen Mediendenkens der 1960er, 1970er Jahre fortschreiben. Am 14./15. Januar 2016 findet daher im Rahmen der Ausstellung eine internationale Tagung an der Hochschule für Künste Bremen statt, die sich mit Formen unabhängigen Publizierens seit den 1960ern auseinandersetzt, um in der Gegenwart anzukommen.

Weitere Punkte des Rahmenprogramms: »Dancing the Underground. Psychedelik, Poesie« – Disko aus den 1960/70er Jahren mit der Klasse Heike Kati Barath, den Bildern von Bogdan Hoffmann und DJ Glasmeier im Auditorium der Hochschule für Künste, 10. November 2015 (19 Uhr). 2. Dezember 2015: Öffentliche Führung durch die Ausstellung mitbieten Jan-Frederik Bandel und Tania Prill. Am 21. Januar 2016: Vortrag über »Open Source Publishing« der Gruppe »OSP Kitchen« (Brüssel). Ein Buch zur Thematik der Ausstellung erscheint im Frühjahr 2016 bei Spector Books (Leipzig).

TP

Unter dem Radar, Underground und Selbstpublikationen 1965–1970
Hrg: Jan-Frederik Bandel, Annette Gilbert, Tania Prill
324 Seiten, Spector Books
Sprache: Englisch, Deutsc
ISBN-10: 395905032
ISBN-13: 978-3959050326